05.03.2010 Reisebericht "Reykja-Réttir" von Constanze Hennrich. Viel Spaß beim Lesen!


Mit Hufgetrappel in den Ohren, dem Wind in den Haaren und dem unvergleichlichen Gefühl eines schnellen, fleißigen Tölters unter dem Sattel lasse ich meinen Blick in die Ferne schweifen – und sehe nichts als Weite, einen sich sanft in die Landschaft einfügenden Fluss, sehr große Schafherden in der Ferne, unzählbar viele Pferde und dies alles in einem atemberaubenden Licht der Nachmittagssonne.

Spätestens hier ist klar – Deutschland ist weit weg. Das, was sich um mich herum von seiner besten Seite zeigt, ist  ISLAND!!!

Das Land, in dem seit mehr als 1000 Jahren eine der robustesten und härtesten Pferderassen gezüchtet wird und das in seiner Schönheit der Natur sicherlich einzigartig ist.

Zu einem der wichtigsten Ereignisse im Jahr zählt der herbstliche Abtrieb der Schafherden aus dem Hochland zurück ins Tal zu den Sammelstellen, wo die Schafe wieder nach ihrer Zugehörigkeit zu den verschiedenen Farmen sortiert und dann nach Hause gebracht werden, um dort den Winter zu verbringen.

Auf dieses Ereignis, den „Rettir“ , freuen sich die zweibeinigen Isländer den ganzen Sommer über. Nachdem ich nun schon einige Male in Island war, wollte ich dieses Jahr auch die Faszination dieses besonderen Tages erleben und nahm das Angebot meiner Freundin Christiane Grossklaus, die in Island mit ihrem Mann Ólafur eine Farm mit Gästebetrieb führt (www.egilsstadir1.com), an, am Reykja Rettir teilzunehmen.

Früh am Morgen bereits sammelt sich unsere bunte Truppe vor dem Stall von Egilsstadir 1 – die Farmbetreiber selbst, Nachbarn, Gäste aus Deutschland, Freunde aus Reykjavik und einige mehr. Es wird ein bunter Mix aus Isländisch, Englisch und Deutsch gesprochen, die Stimmung ist gut.

Nachdem jeder Reiter sein erstes Reitpferd und ein bis zwei Handpferde eingefangen, geputzt und gesattelt hat, geht es los in Richtung des Sammelplatzes, an dem die Schafe , die von Reitergruppen aus dem Hochland ins Tal getrieben wurden, zunächst die Nacht verbringen sollen.

Und los geht´s!

Unser Weg führt uns vorbei an dem Urriðarfoss, einem wunderschönen Wasserfall, durch die Dünen entlang am Þjórsa, dem längsten Fluss Islands. Die Pferde sind voller Energie und tölten fleißig mit flottem Tempo voran, die Handpferde laufen im Gleichschritt nebenher, der schwarze Lavasand verschluckt das Getrappel der vielen Hufe. Nach einigen Kilometern gönnen sich Zwei- und Vierbeiner eine erste Pause, es wird gelacht und jeder stärkt sich, bevor es nach einem Pferdewechsel wieder weitergeht – im schnellen Tölt und zwischendurch auch im Galopp, den Reiter und Pferde sichtlich genießen.

Nach einigen Stunden und mehreren Pausen nebst Pferdewechseln später sehen wir in der Ferne bereits große weiße Flecken am Horizont, die sich deutlich aus der sonst grün, gelb, braun und schwarz gemusterten Landschaft abheben – die ersten Schafherden auf dem Weg zum Sammelplatz, begleitet von Reitern und Hunden.

Die Pferde strotzen trotz der bereits hinter ihnen liegenden Kilometer noch vor Kraft und so biegen wir im schnellen Tölt in die Einfahrt zu dem Treffpunkt ein – die vielen Leute, die sich hier bereits versammelt haben, freuen sich über jeden Neuankömmling. Es herrscht ein buntes Durcheinander von Pferden, Schafen, Hunden, Autos und Menschen – und dennoch kein Chaos, weil jeder weiß, was zu tun ist. Und die gute Stimmung ist einfach ansteckend, so dass man einfach mitgerissen wird.

Schafe so weit das Auge reicht

Unsere Pferde 10dürfen sich über Nacht auf einer nahe gelegenen Koppel ausruhen, uns zieht es im Auto nach Hause, wo neben frischem Lachs aus eigenem Fang, den Christiane für uns zubereitet hat, auch der heiße Hot Pot vor dem Haus wartet, in dem man nach der ungewohnten Anstrengung eines Tagesritts herrlich entspannen kann. Danach lassen wir den Abend bei isländischer Musik und vielen Erzählungen – ob isländisch, englisch oder deutsch - ausklingen.

Am nächsten Morgen melden sich die ersten Muskeln, doch das geht schnell vorbei, denn jetzt folgt ein wichtiger, für uns Gäste sehr lustiger Teil des Rettir: Immer wieder wird eine Gruppe aus rund 150 Schafen aus der großen Herde in einen großen Pferch getrieben, in dem sie einzeln mit der Hand von den vielen Helfern gefangen und dann gemäß der Ohrmarke in den angrenzenden kleineren Pferchen ihrer Besitzer, bei denen der Name der jeweiligen Farm auf einem kleinen Schild steht, gebracht werden.

Wer jetzt denkt, so ein Schaf würde brav stil stehen, sich ans Ohr fassen und brav am Horn gen Pferch führen lassen, hat sich getäuscht. Die Tiere, die den ganzen Sommer ihre Freiheit genossen haben, strotzen vor Energie und können mindestens so gut buckeln wie manches Pferd. Selbst mancher Mann wird so mal schnell zu Fall gebracht. Dennoch - das Einfangen der Tiere ist ein Spaß für Groß und Klein, auch die Kinder helfen mit.

Geschafft!

   

Als alle Schafe verteilt sind und sich die ersten großen Herden, umrahmt von Reitern, auf den Weg gen ihrer Farm machen, treten auch wir den Heimweg an.

   

 

„Mein“ Scheckwallach „Skjoni“, der bereits gestern mit viel Elan vorangegangen ist, wartet schon ungeduldig auf den Aufbruch und sprudelt im Tölt los, als es endlich gen Heimat geht.

Auf dem Heimweg, währenddessen der Wettergott alle Facetten isländischen Wetters austestet (Regen, Hagel, Schneeregen und dann wieder strahlender Sonnenschein, der die Kleidung trocknen läßt), treffen wir viele andere Reitergruppen und Autos mit feiernden Leuten, die uns mit heißem Kaffee versorgen.

Auf einem der Höfe, an dem wir vorbeireiten, gibt es warme Suppe für alle, die Stimmung ist trotz des Wetters richtig gut und es ist klar, dass die Feiern heute nicht mit Einbruch der Dämmerung enden.

 

Die Pferde bringen uns sicher nach Hause und im Gegensatz zu den Reitern scheint ihnen weder das Wetter noch der lange Ritt etwas ausgemacht zu haben, denn auch die letzten Meter werden mit Elan zurückgelegt. Bisweilen könnte man beinahe meinen, die Hufe würden im Tölt den Boden kaum noch berühren und dennoch sitzt man beinahe so bequem wie auf einem Sofa.

Daheim im Stall gibt es eine ordentliche Portion Kraftfutter, bevor die Herde im Galopp gen Weide zieht.

Ein wunderschönes Wochenende geht zu Ende – viele Eindrücke, schöne Erlebnisse und Begegnungen sowie ein unvergleichbares Töltvergnügen auf den schier unermüdlich wirkenden Pferden hat es mit sich gebracht.

Auf dem Weg zum Flughafen lasse ich den Blick noch ein Mal über die Weiden von Christianes und Olis Farm schweifen und bin mir sicher: Auf Wiedersehen, Egilsstadir 1!!!!